Die Nordeuropäer sind für Offenheit und Transparenz bekannt. Im Juni 1992 lehnten die Dänen den Maastrichter Vertrag ab, weil ihnen die EU nicht transparent genug erschien. Nach einigen Änderungen stimmten sie dann schließlich zu.
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Die Nordeuropäer sind für Offenheit und Transparenz bekannt. Im Juni 1992 lehnten die Dänen den Maastrichter Vertrag ab, weil ihnen die EU nicht transparent genug erschien. Nach einigen Änderungen stimmten sie dann schließlich zu. Auch Dänemarks Premier Anders Fogh Rasmussen ist für Transparenz. Er ließ sich drei Monate lang von dem dänischen Dokumentarfilmer Christoffer Guldbrandsen mit der Kamera begleiten - bei Pressekonferenzen, Regierungssitzungen, Staatsempfängen und auch auf dem EU-Gipfel in Kopenhagen. Die Bilder des Films sind wunderbar, so wie Bilder von Politikern eben immer sind, aber da sind nicht nur die Bilder, nein, der Film hat auch einen Ton, und der macht die schönen Bilder der mächtigen Männer einfach kaputt. Denn der Ton ist der Originalton. Das heißt, dass nicht nur die Kamera, sondern auch das Tonband lief. Und das am Revers des rechtsliberalen Premiers befestigte kleine Mikro hat wirklich alles aufgenommen. Zum Beispiel als der dänische Außenminister Per Stig Möller seinem Premier beim Erweiterungsgipfel in Kopenhagen über den deutschen Außenminister Joschka Fischer und dessen Haltung zum EU-Beitrittswunsch der Türkei berichtet: "Hab' ich dir erzählt, dass Joschka innerhalb von zwölf Stunden drei verschiedene Standpunkte gehabt hat? Mir hat er neulich gesagt, die würden nie EU-Mitglied werden. Ich frage ihn: Können Sie mir das mal näher erklären? Wie meinen Sie das? Da sagt Fischer: Nee, nee, ich habe nur laut gedacht, vergessen Sie es. " Der Dokumentarfilm hat den "Joschka" ganz schön in Teufels Küche gebracht - mit Dementis musste Berlin die Türkei beruhigen. Auch Bundeskanzler Gerhard Schröder bekommt in dem Doku-Streifen sein Fett ab. Die offizielle Version des Gipfeltreffens vom 3. Dezember zu den Kosten der Osterweiterung lautete, Schröder lehne den dänischen Finanzplan erneut ab. Die Wahrheit kommt jedoch im Dokumentarfilm ans Tageslicht, wo der dänische Regierungssprecher noch in Berlin hinter der Bühne erzählte, Schröder habe dem dänischen Finanzplan inoffiziell doch zugestimmt. Er unterstütze den Plan, aber offiziell erst beim Gipfel in Kopenhagen. Das müssten die Dänen jedoch geheim halten und öffentlich weiter die harte Linie fahren. Schröder habe zwischen den Zeilen gesagt, wenn er den Polen irgendwas gebe, verkünde er es selbst, und zwar in Kopenhagen. Der dänische Regierungssprecher: "Wir dürfen über nichts mehr verhandeln, höchsten noch über Bärenjagd und anderen Kleinkram. "Vor laufender Kamera und offenem Mikro berät Fogh Rasmussen mit seinen engsten Mitarbeitern, wie man den Alleingang des deutschen Bundeskanzlers auf dem bevorstehenden EU-Gipfel in Kopenhagen bremsen kann. Fogh Rasmussen: "Schröder hat mir verraten, was er am Wochenende nach dem Gipfel vor hat. Der hat sich mit seiner Frau in London verabredet. Jetzt wissen wir, dass er pünktlich fertig werden will. Also packen wir alles auf den Tisch. Milchquoten, Schlachtprämien, wir reden über Kühe. Er will ja fertig werden. Soll er doch selbst entscheiden, ob er über Kühe reden oder mit seiner Frau nach London fliegen will. Ich weiß, was meine Frau sagt, wenn ich mich für Kühe und nicht für sie entscheiden würde. "Neben Joschka Fischer und Gerhard Schröder werden auch Frankreichs Staatspräsident Jacques Chirac und Russlands Präsident Wladimir Putin in dem Sechzig-Minuten-Film, der in voller Länge im deutschen Fernsehen gespielt wurde, hinter der offiziellen Weltbühne "abgehört". Fogh Rasmussen hat sich mit diesem Dokumentarfilm ein Denkmal gesetzt - allerdings nicht als großer Staatsmann und Diplomat. Die dänische Opposition spricht von einem Skandal. Europas Diplomaten haben so etwas noch nie gesehen, beziehungsweise gehört. Wähler und Wählerinnen sind belustigt, sie stellen fest, dass es bei weltbewegenden Verhandlungen zugeht wie auf dem Schulhof. In Berlin teilte Gerhard Schröder mit, er werde als Gastgeber eines Gipfels niemals mit versteckten Mikrofonen arbeiten. abhören: afluisteren. belustigen: amuseren. beziehungsweise: meer bepaald. bremsen: remmen. das Dementi: ontkenning. sich ein Denkmal (o) setzen: zichzelf bekend maken. sein Fett abbekommen: zijn vet krijgen. der Gastgeber: gastheer. der Gipfel: top. der Kleinkram: prutswerk. schließlich: ten slotte. in Teufels Küche geraten: in een moeilijk parket geraken. der Ton: geluid. das Tonband: geluidsband. verkünden: officieel bekendmaken. zwischen den Zeilen (v): tussen de regels door.