Mit der Entscheidung, Berlin nach dem Fall der Mauer wieder zu Deutschlands Hauptstadt zu machen, war gleich klar, dass der Bundeskanzler und seine Schaltzentrale an die Spree ziehen mussten. 1995 ließ der damalige Kanzler Helmut Kohl den Architekten Axel Schultes und Charlotte Frank den Auftrag erteilen, ihm in Berlin eine neue Regierungszentrale – ‘eine Visitenkarte der Republik’ – zu bauen. Das Bonner Kanzleramt, ein architektonisches Zeugnis des Neuanfangs nach dem verlorenen Krieg, hatte ausgedient und sollte in Berlin durch einen dem neuen, großen Deutschland würdigen Bau ersetzt werden.

1997 begannen die Bauarbeiten für die 36 Meter hohe und 335 Meter lange Bleibe des Kanzlers. Nun, mit einem Jahr Verspätung, ist das protzige Gebäude, eine Art Pendant zum Reichstag, endlich fertig. Es hat jedoch viel Streit um den Bau gegeben. Er sei zu monumental – wie die Neue Reichskanzlei von Albert Speer – und mit seinen 465 Millionen Mark außerdem viel zu teuer.

Architekt Schultes ist gefrustet, denn für das zum Kanzleramt dazugeplante Bürgerforum, der einzige, direkt den Bürgern gewidmete Bau, gibt es derzeit noch keine konkreten Baupläne.

Das entspricht nicht dem ursprünglichen Konzept des Architektenteams, denn schließlich fehle jetzt zwischen Reichstag und Regierungszentrale ein wichtiges Bindeglied. Das Kanzleramt sei dadurch ‘das, was es nie sein sollte: ein solitärer, ein isolierter Ort’, und es stünde zusammen mit dem Reichstag ‘wie Kühe auf der Weide’, meinte Schultes, obwohl ein Prozent der Umzugskosten von zwanzig Milliarden Mark reichen würden, um das Bürgerforum zu errichten.

Im Laufe der langen Planungs- und Bauzeit war es ständig zu Transformationen und Einsparungen gekommen. So können zum Beispiel heute zwei der vier Fahrstühle im dritten Stockwerk nicht halten, da der Ausstieg aus Kostengründen eingespart wurde. ‘Das wird kein Kanzler in den nächsten hundert Jahren verstehen, dass die Fahrstühle nicht im dritten Stock halten’, sagte Schultes. Es gibt aber noch ein anderes Problem: Der Mann, der jetzt einzieht, ist nicht derjenige, der den Bauauftrag erteilte. Mit anderen Worten: Das neue Amt entspricht nicht ganz den Vorstellungen von Bundeskanzler Schröder. ‘Haben Sie es nicht eine Nummer kleiner?’, soll Schröder den Architekten gefragt haben. Der Umzug fällt ihm also schwer.

Architekt Schultes weiß scheinbar auch weshalb: ‘Das Kohl’sche Erbe hat ihn dazu gebracht, Distanz zu wahren.’

Schröder hatte aber ganz konkrete Änderungswünsche für das hauptsächlich in den Farben Rot und Grün gehaltene Amt geäußert. So bat er darum, die rötlichen Holzpaneele und die grünen Holzbrüstungen in seinem Dienstzimmer in ein freundliches Weiß umzufärben. Im achten Stock befindet sich der private Wohntrakt des Kanzlers. Dort habe er sich an den bis ganz nach unten heruntergezogenen Fensterscheiben auf den Toiletten gestört: ‘Da stehen die Leute dann mit dem Feldstecher im Tiergarten’. Es sollen jetzt nachträglich noch Jalousien eingebaut werden.

Laut Bundespresseamt freute sich der Kanzler auf den Tag des Umzugs – auch wenn das neue Kanzlerzimmer mit seinen 130 Quadratmetern das kleinste in der Geschichte der Republik ist.

der Ausstieg: uitgang.

das Bindeglied: verbinding.

die Bleibe: onderdak.

der Fahrstuhl: lift.

der Feldstecher: veldkijker.

frusten: frustreren.

das Kanzleramt: gebouw waar de diensten van

de Duitse kanselier (president) zijn ondergebracht.

protzig: opschepperig.

die Schaltzentrale: (schakel-)/(commando)centrale.

Albert Speer: architect van Adolf Hitler.

der Stock/das Stockwerk: verdieping.

der Umzug: verhuizing.

widmen: opdragen.

der Trakt: vleugel.

das Zeugnis: getuigenis.

Reageren op dit artikel kan u door een e-mail te sturen naar lezersbrieven@knack.be. Uw reactie wordt dan mogelijk meegenomen in het volgende nummer.

Partner Content