Nach Bundeskanzler Gerhard Schröder arbeitete nun auch Umweltminister Jürgen Trittin als Dressman. Im Armani-Anzug glänzte er auf acht vollen Seiten eines deutschen Lifestyle-Magazins.
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Nach Bundeskanzler Gerhard Schröder arbeitete nun auch Umweltminister Jürgen Trittin als Dressman. Im Armani-Anzug glänzte er auf acht vollen Seiten eines deutschen Lifestyle-Magazins. Zu den Fotos von Modelkollege Trittin meinte der Bundeskanzler mit fachmännischer Anerkennung, "dass es gelungene Fotos sind". Während die Hobby-Dressmen aus dem Bundestag zu den Magazinen gehen, um sich in feinen Stoffen fotografieren zu lassen, begeben die Magazine sich mit ihren Models in den Bundestag. Aber die führen dort keine italienischen Anzüge vor, sondern lassen schlicht die Hüllen fallen. Im Reichstagsgebäude zogen sich nämlich sechs Männer unter der riesigen Glaskuppel aus (einige behielten immerhin Socken und Schuhe an) und ließen unter dem Beifall lustwandelnder Reichstagsbesucher ihre überaus fotogenen Körper eine Viertelstunde lang ablichten. Dann zogen die Jungs sich wieder an und marschierten unbehelligt ab. Beim Verlassen des Parlamentsgebäudes meinte das tolerante Wachpersonal gelassen, dass es beim nächsten Mal aber Hausverbot gebe. Die Kuppel des Reichstags ist nicht der einzige Ort, an dem mehrere Fotografen unter dem Motto - Wir testen die Toleranz der Berliner - auf den Auslöser drückten. Sie bannten die sechs nackten Helden auch vor Schloss Bellevue und dem Brandenburger Tor auf Zelluloid. Die Fotos boten sie dann mehreren deutschen Zeitschriften zum Kauf an. Das Homosexuellenmagazin Männer aktuell schlug sofort zu, schließlich seien die Fotos von nackten Männern im Bundestag wie dafür geschaffen, um auf die Forderungen nach Gleichberechtigung der schwullesbischen Minderheit aufmerksam zu machen. Obwohl alle über das Happening im Reichstag schmunzeln, ist offiziell selbstverständlich Empörung angesagt. Der Leiter des Bundestagspressezentrums war dann auch weitaus weniger von der Toleranzaktion begeistert und will juristisch gegen das Magazin vorgehen, denn der Parlamentsbau dürfe nicht zu kommerziellen Zwecken missbraucht werden und außerdem verletzten solche Bilder die Würde des Hauses. Dabei scheint Männer aktuell nicht der erste kommerzielle Nutzer des Reichstagsgebäudes zu sein: Vor den sechs nackten Models posierten nämlich bereits sechs Spitzenköche unter der Kuppel und warben mit dem Foto für einen Kochwettbewerb. Wenn die Fotografen für das Reichstagsshooting sechs nackte Abgeordnete verpflichtet hätten, wäre der Streit um Kommerz und Sicherheit hinfällig, die politische Wirkung für die Schwulenbewegung viel größer, dafür das Fotomaterial höchstwahrscheinlich weniger attraktiv gewesen.ablichten: fotograferen. die Anerkennung: waardering. hinfällig (hier): ongegrond. lustwandeln (veroud.): spelemeien. verletzen: kwetsen. die Würde: waardigheid.