Der Nobelpreis für Literatur geht in diesem Jahr an Günter Grass.
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Der Nobelpreis für Literatur geht in diesem Jahr an Günter Grass. Der Schriftsteller wurde am 16. Oktober 1927 in Danzig geboren und besuchte nach einer Steinmetzlehre die Düsseldorfer Kunstakademie. Seine literarische Karriere begann er 1959 mit dem schlagartigen und weltweiten Erfolg seines Romans "Die Blechtrommel". Seit den sechziger Jahren engagierte Grass sich politisch für die Sozialdemokratische Partei Deutschlands (SPD) und unterstützte Willy Brandts Ostpolitik. Grass beschäftigte sich literarisch zunehmend mit der unmittelbaren Gegenwart, die er in Romanen wie "Die Rättin", "Unkenrufe" und "Ein weites Feld" kritisch behandelte. Der deutsche Schriftsteller war noch nie ein bequemer Zeitgenosse und schon immer ein Querdenker. Noch vor kurzem griff er die amtierende Bundesregierung wegen der Abschiebepraxis von Asylbewerbern an. Mit seiner politischen Haltung machte er sich nicht überall Freunde - auch nicht bei den Literaturkritikern, die nicht immer zimperlich mit ihm umgingen. So schrieb der sogenannte Literaturpapst und Fernsehmoderator Marcel Reich-Ranicki im "Spiegel" eine vernichtende Kritik des Grass-Romans "Ein weites Feld". Zudem zeigte die "Spiegel"-Titelseite den Literaturkritiker, wie er das Grass-Werk zerriss. Reich-Ranicki hat Grass jetzt Versöhnung angeboten, doch der Nobelpreisträger lehnte ab. Marcel Reich-Ranicki könne das "nicht wie einen Lapsus behandeln. Das hat mich tief verletzt. So einfach ist das nicht zu begradigen", meinte der Schriftsteller. Er warf dem Literaturkritiker zudem "Größenwahn" vor, der durch die Macht des Fernsehens entstanden sei. Jetzt, wo die schwedische Akademie dem Autor den Nobelpreis für Literatur verleiht, sind sich alle einig: Günter Grass hätte den Preis schon vor 30 Jahren verdient. Alle gratulierten: "Literaturpapst" Marcel Reich-Ranicki, Bundeskanzler Gerhard Schröder und die ehemalige Chefin der Treuhandanstalt Birgit Breuel, die ohne namentlich genannt zu werden, von Grass in seinem jüngsten Buch "Mein Jahrhundert" karikiert wird. Auch Preisträger-Kollege Dario Fo freute sich für Grass und meinte: "Zuerst ich, dann Saramago und jetzt Günter Grass. Die linken Intellektuellen laufen gut in Stockholm." Grass selbst gibt sich äußerst gelassen. Kurz nachdem bekannt wurde, dass er den Nobelpreis erhält, wurde ihm zu Hause die Frage gestellt, wie er sich denn fühle. "Ich kann jetzt nicht viel sagen, nur dass ich mich sehr freue. Mir ist jetzt ein Zahnarzttermin in Hamburg wichtig, denn den habe ich schon öfter verschieben müssen", erklärte der Schriftsteller. Der Nobelpreis ist mit umgerechnet 1,8 Millionen Mark dotiert. Ein Teil des Geldes soll der Grass-Stiftung für Sinti und Roma zugute kommen. In Sachen Finanzen stellt sich der Nobelpreisträger jedoch noch eine Frage: "Soll ich mir für die Preisverleihung in Stockholm einen Frack leihen, oder soll ich mir einen anfertigen lassen und ihn anschließend für einen guten Zweck versteigern lassen?"begradigen (hier): recht trekken. der Frack: rokkostuum. gelassen: kalm. Roma/Sinti: Zigeunervolkeren. der Steinmetz: steenhouwer. unterstützen: steunen. zerreißen: scheuren. der Zweck: doel.