Die Gewissheit darüber, dass Geld nicht unbedingt glücklich macht, besitzen wir spätestens seit dem US-Streifen Pretty Woman. Männer, die im Leben edle Ziele verfolgen, gut aussehen, stinkreich sind und dann keine Frau abbekommen, die werden vom Schicksal hart geprüft. Die deutschen kommerziellen Fernsehsender Sat 1 und RTL hatten Mitleid mit diesem Männer-Typus und wollten jeweils einem einsamen Millionär ein Weib schenken.
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Die Gewissheit darüber, dass Geld nicht unbedingt glücklich macht, besitzen wir spätestens seit dem US-Streifen Pretty Woman. Männer, die im Leben edle Ziele verfolgen, gut aussehen, stinkreich sind und dann keine Frau abbekommen, die werden vom Schicksal hart geprüft. Die deutschen kommerziellen Fernsehsender Sat 1 und RTL hatten Mitleid mit diesem Männer-Typus und wollten jeweils einem einsamen Millionär ein Weib schenken. Dazu servierten die Sender ihrem Kandidaten 50 willige Personen weiblichen Geschlechts, die - wie auf dem Viehmarkt - eine Reihe anatomischer und wenige geistige Prüfungen bestehen mussten, ehe sie in die engere Auswahl des Millionärs kamen. Das Frauenrudel bekam den reichen, heiratswilligen Gentleman nicht zu Gesicht. Es sah lediglich einen Schattenriss vom Angebeteten, wenn der wie bei Sat 1 durch Drücken des roten oder grünen Knopfs die Spreu vom Weizen trennte. Wer sich den Schrott am Fernsehen ansah, geriet mit Hilfe der primitiven Moderation sofort in den Sog der schmutzigen Ausmusterung, hatte gleich seine Favoritin unter den Wettkämpferinnen entdeckt und freute sich über den Rausschmiss einer Nebenbuhlerin. Die Sendungen - bei Sat 1Wer heiratet den Millionär?, und bei RTLIch heirate einen Millionär - waren simple Ausscheidungsspiele, und vom Konzept her den Olympischen Spielen sehr verwandt. Wer jedoch beim Verkupplungsspiel auf dem Siegertreppchen endet, muss den größten Teil der Arbeit noch leisten - im Ehebett. Da die Spielregeln der Kuppelshows von Anfang an klar waren - ein reicher Mann kauft sich ein hübsches, zierliches Ding, das weiß, für wie viel Geld sie sich mit einem Unbekannten einlässt - fallen die TV-Sendungen eher unter die Kategorie öffentliche Prostitution als unter die Sparte 'Unterhaltung'. Bei dem Verkupplungsgeschäft verdient einer besonders tüchtig, nämlich der Fernsehsender. So erreichte RTL mit seiner Brautschau 8 Millionen Zuschauer. Darüber freuten sich besonders die Werbekunden des Senders, die ihre Erfolgsprämien für hohe Marktanteile gerne bezahlen werden, auch wenn mittlerweile bekannt wurde, dass sich der RTL-Bräutigam als Hochstapler entpuppte und sich das Pärchen schon länger kannte. Nach der Zuschauerverschaukelung kam es nicht zur Hochzeit, aber die gesponserten Flitterwochen gab's trotzdem. Denn alle waren zufrieden: der Hochstapler und seine Bekannte mit der Fernreise, der Fernsehsender und seine Werbekunden mit den Einschaltquoten und das Publikum mit der glänzenden Unterhaltung. Wen interessiert bei solchem Nonsens schon die Wahrheit?der Bräutigam: bruidegom. heiraten: trouwen. die Nebenbuhlerin: rivaal. der Schrott (hier): onzin. der Streifen (hier): film. verschaukeln: beetnemen.