Die Sanierung des Reichstagsgebäudes hat insgesamt 600 Millionen Deutsche Mark gekostet. Das viele Geld gab man aber gerne für die Errichtung eines neuen alten Symbols für Deutschland aus.
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Die Sanierung des Reichstagsgebäudes hat insgesamt 600 Millionen Deutsche Mark gekostet. Das viele Geld gab man aber gerne für die Errichtung eines neuen alten Symbols für Deutschland aus. Und Stararchitekt Norman Foster wurde - nach Abschluss der Arbeiten - dann auch mit viel Lob bedacht, hat er doch dem deutschen Volk eine wunderschöne Glaskuppel beschert. Im neuen alten deutschen Parlamentsgebäude scheint die Welt also in Ordnung. Besucherströme pilgern in ihr Abgeordnetenhaus, genießen dort Kaffee und Kuchen und sind derart monumental beeindruckt, dass sie mit sich, ihren Politikern und der Welt in Deutschland zufrieden sind. Doch plötzlich tauchen graue Wolken am Reichstagshimmel auf: Baumängel bescheren Deutschlands Demokratiepalast negative Schlagzeilen. Während der Eröffnung des Bundestags-Plenargebäudes vor einigen Monaten hätten die Feuermelder aus Kaisers Zeiten stammen können. Aufgrund von Mängeln am Feuermeldesystem wurden Bundestagsbedienstete an allen relevanten Stellen postiert, um im Falle eines Brandes dann nach altbewährter Methode "Feuer" zu rufen. So hatte es die Baubehörde verlangt. Die Liste der Mängel ist lang. So sind die Grünen aus ihrem Vorstandszimmer im Reichstag ausgezogen, weil es zu hellhörig war. Die FDP wechselt wegen schlechter Akustik ihren Fraktionssitzungssaal. Die Liberalen und die PDS stört die Wandverkleidung in den Räumen, weil sie die Augen irritiert. Außerdem beklagen sich die Abgeordneten über die offenen Telefonkabinen, in denen keine vertraulichen Gespräche geführt werden können, und im Plenarsaal gibt es am Rednerpult - anders als in Bonn - keinen Sichtschutz für mitgebrachte Dokumente. Damit nicht genug, auch im Bundestagsgebäude der Dorotheenstraße 93, wo die FDP-Fraktion und Teile der SPD-Fraktion ihre Büros haben, herrscht schlechte Stimmung. Die in dem 1937 errichteten Gebäude über der Tür zu einem Sitzungssaal befindlichen Verzierungen erinnern einige Volksvertreter an Hakenkreuzelemente und deshalb sollen die aus der indischen Mythologie entstammenden Ornamente weg. Wen das alles nicht stört und wer sowieso nur zum Spaß mit dem fosterschen Parlamentsgebäude zu tun habe möchte, der mietet ganz einfach das Restaurant auf dem Dach des Reichstags. Wer mindestens 80 Leute zusammentrommelt und bereit ist, für deren Verpflegung wenigstens 200 DM pro Gast hinzublättern, tanzt der Nation einen Abend auf dem Kopf herum. Dort vergnügte sich bereits der VW-Vorstand Piëch mit Freund Gerhard Schröder und auch die Herrhausen-Stiftung der Deutschen Bank veranstaltete auf dem Dach der deutschen Welt ein Stelldichein. Wer daran interessiert ist, das Reichstagsrestaurant zu mieten, sollte wissen, dass die Hausordnung beachtet werden muss, d.h. keine laute Musik, keine Werbelogos und um 22 Uhr ist Zapfenstreich.altbewährt: vanouds beproefd. das Gebäude: gebouw. hellhörig: gehorig/scherp van gehoor. das Pult: lessenaar. das Stelldichein: rendez-vous. der Zapfenstreich: taptoe.