In Berlin stehen vier ehemalige Offiziere des Ministeriums für Staatssicherheit ( MfS) vor Gericht. Sie sollen in den 80er Jahren zehn der meistgesuchten Terroristen der Bundesrepublik ( BRD) Unterschlupf in der DDR gewährt, sie betreut und ihre Enttarnung verhindert haben.
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In Berlin stehen vier ehemalige Offiziere des Ministeriums für Staatssicherheit ( MfS) vor Gericht. Sie sollen in den 80er Jahren zehn der meistgesuchten Terroristen der Bundesrepublik ( BRD) Unterschlupf in der DDR gewährt, sie betreut und ihre Enttarnung verhindert haben. Inge Viett, zu Beginn der 70er Jahre Mitglied der Terror- ?Bewegung 2. Juni?, hatte Kontakte zu Dr. Harry Dahl, dem Leiter der für Terrorabwehr zuständigen Stasi-Hauptabteilung XII. Diesen Kontakt nutzten gesuchte Mitglieder der Roten Armee Fraktion ( RAF), die sich zum Ausstieg entschlossen hatten. Sie hofften auf die Stasi-Hilfe, um in sozialistischen Ländern wie Angola oder Mosambik unterzukommen. Die Stasi half tatsächlich und schleuste 1980 gesuchte RAF-Mitglieder wie Susanne Albrecht und Ekkehard von Seckendorff-Gudent in die DDR ein. Von dort ging es aber nicht weiter : Die Aussteiger wurden mit dem politischen System der DDR vertraut gemacht und mit falschen Papieren, neuem Lebenslauf und Arbeitsplatz getrennt voneinander gesellschaftskonform integriert. Trotzdem traute die Stasi den ehemaligen BRD-Terroristen nicht und ließ sie rund um die Uhr überwachen, verwanzte deren Wohnungen und hörte ihre Telefongespräche ab. Aus einem Stasi-Bericht von 1985 geht hervor : ?Alle Personen haben sich fest in das berufliche und öffentliche Leben eingelebt?, und die Aussteiger wurden nicht mehr als Gefahr betrachtet. Nach dem Mauerfall konnten 1990 sämtliche Aussteiger von BRD-Behörden enttarnt und festgenommen werden. Nachdem der einstige Vorwurf der Beihilfe zum Mord nicht haltbar war, stehen Dahl und seine MfS-Offiziere jetzt in Berlin wegen Strafvereitelung vor Gericht, obwohl sich die Angeklagten nach DDR-Recht nicht strafbar gemacht haben. Ob denn auch das juristische Argument der Ankläger haltbar ist, die DDR-Offiziere hätten gegen westdeutsches Recht verstoßen, weil sie die Verhaftung der Aussteiger in der BRD verhindert hätten, wird stark angezweifelt. Fünf Jahre dauerten die Ermittlungen von BRD-Behörden zur Stasi-RAF-Verbindung und die Anklage konnte sich dank der Stasi-Akten bestens vorbereiten. Jetzt will die Verteidigung wissen, was die Bundesrepublik damals tatsächlich über das Untertauchen wußte, und was es mit den Absprachen zwischen Bonn und Ostberlin auf sich hatte. Ein Einblick in geheime BRD- Akten würde sich sicher lohnen. der Aussteiger : iem. die zich v.d. maatschappij afgewend heeft, enttarnen : ontmaskeren, untertauchen : onderduiken, die Verhaftung : arrestatie.