Obwohl grüne Politiker in Deutschland mitregieren, war der Protest der Atomkraftgegner wohl noch nie so groß wie bei den Atommüllverschiebungen der letzten Wochen. Für die Basis der Grünen ist nun endgültig klar, dass auch von ihren eigenen RegierungspolitikerInnen nichts mehr zu erwarten ist. Die UmweltschützerInnen fühlen sich in ihrem ureigenen Kampf gegen die Atomkraft von ihrer Partei allein gelassen.
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Obwohl grüne Politiker in Deutschland mitregieren, war der Protest der Atomkraftgegner wohl noch nie so groß wie bei den Atommüllverschiebungen der letzten Wochen. Für die Basis der Grünen ist nun endgültig klar, dass auch von ihren eigenen RegierungspolitikerInnen nichts mehr zu erwarten ist. Die UmweltschützerInnen fühlen sich in ihrem ureigenen Kampf gegen die Atomkraft von ihrer Partei allein gelassen. Seit 1973 schaffen deutsche Atomkraftwerke ihren hochradioaktiven Müll ins Ausland. Damit muss bis spätestens 2005 Schluss sein. Dann muss der Dreck wieder zurückgenommen werden. Laut Bundesumweltministerium werden in den ausländischen Wiederaufbereitungsanlagen 5 200 Tonnen abgebrannte Brennelemente in Glaskokillen (Behälter für hochradioaktiven Abfall) verschweißt und nach und nach wieder zurück nach Deutschland geschickt. Die Kokillen kommen in so genannte sichere Castor-Transportbehälter. Bisher rollten jeweils 1995, 1996 und 1997 Bahntransporte mit Castoren aus der Wiederaufbereitung in das deutsche Zwischenlager Gorleben. Insgesamt müssen 166 Castoren (127 aus dem französischen La Hague und 39 aus Sellafield im Vereinigten Königreich) zurückgenommen werden. Nach vierjähriger Unterbrechung war es Ende März dann wieder soweit, ein neuer Castor-Transport bewegte sich in Richtung Gorleben. Atomkraftgegner, denen Umweltminister Trittin den vollständigen Austritt aus der Atomenergie versprochen hatte, riefen zum massiven Protest und Aufhalten des Transports auf. Zum Schutz der sechs Castoren wurden entlang der Strecke von der französisch-deutschen Grenze bis Gorleben 29 000 PolizistInnen und GrenzschützerInnen mit 2 000 Fahrzeugen und 94 Hubschraubern, Wasserwerfern, Pferden und Sperrzäunen eingesetzt. Bei den Protestaktionen war es immer wieder zu Übergriffen durch Polizeibeamte bei der Räumung von Gleisblockaden gekommen. Als es einigen Anhängern der Umweltorganisation 'Robin Wood' dann doch gelang sich an den Gleisen einzubetonieren und damit den Transport des Strahlenmülls um fast einen Tag aufzuhalten, lagen die Nerven der Polizei auch trotz vorbereitetem Konfliktmanagement bloß. Die Kosten für dieses gewaltige Polizeiaufgebot werden auf 120 Millionen Mark (5.949.000 Euro) berechnet. Das ist den der Atomkraft sowieso schon skeptisch gegenüberstehenden Steuerzahlern zu viel, denn sie müssen Deutschlands teuerste Fahrkarte bezahlen. Für die Atomkraftgegner ist klar, dass der letzte Castor-Transport nach Gorleben nur als 'Türöffner' diente, denn die französische Regierung hatte die Rücknahme des Atommülls zur Bedingung gemacht, bevor erneut deutscher Strahlenmüll aufgenommen werde. Tatsächlich fließt nun wieder Atommüll nach La Hague. Die AtomkraftgegnerInnen sind davon überzeugt, dass diese Transporte einzig und allein dem Weiterbetrieb der deutschen Atomkraftwerke dienen.abbrennen: (helemaal) opbranden. der Atomkraftgegner: tegenstander van kernenergie. der Atommüll: radioactief afval. das Brennelement: brandelement. der Dreck (hier): rotzooi. entgültig: definitief, absoluut. die Fahrkarte: reisbiljet. das Gleis: spoor. der Hubschrauber: helikopter. die Kokille: gietvorm. der Türoffner (hier): eerste poging. der Übergriff: inbreuk. der Wasserwerfer: waterkanon. der Sperrzaun: dranghekken. verschweißen: aan elkaar vastmaken.