Nach dem Suizid der Terroristin Ulrike Meinhof im Gefängnis Stuttgart-Stammheim kam es am 10. Mai 1976 in Frankfurt am Main zu einer gewalttätigen Demonstration. 'Meinhof ermordet!'-Plakate wurden durch die Stadt getragen, die seit 1973 nach Konfrontationen zwischen Polizei und Hausbesetzern als schwierig zu kontrollieren galt.
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Nach dem Suizid der Terroristin Ulrike Meinhof im Gefängnis Stuttgart-Stammheim kam es am 10. Mai 1976 in Frankfurt am Main zu einer gewalttätigen Demonstration. 'Meinhof ermordet!'-Plakate wurden durch die Stadt getragen, die seit 1973 nach Konfrontationen zwischen Polizei und Hausbesetzern als schwierig zu kontrollieren galt. Der heutige Bundesaußenminister und Vizekanzler Joschka Fischer (Grüne) war damals in der Frankfurter linken Szene besonders aktiv gewesen. In der Ausgabe Nummer 4 des Blattes Revolutionärer Kampf ist auf Seite 9 ein Bild von Fotograf Lutz Kleinhans zu sehen, auf dem der mit Motorradhelm geschützte Fischer zusammen mit Hans-Joachim Klein auf einen Polizisten einschlägt. Dieses Foto löste eine heftige Debatte um Joschka Fischers Vergangenheit als Szene-Akteur aus. Bei der Demonstration am 10. Mai 1976 überlebte Polizist Jürgen Weber den Feuerhagel der Molotow-Cocktails nur knapp. Die Brandsätze flogen in Webers Funkstreifenwagen und verbrannten 60 Prozent seiner Haut. Die Journalistin Bettina Röhl - Tochter der verstorbenen RAF-Gründerin Ulrike Meinhof - kündigte in einem offenen Brief an Bundespräsident Johannes Rau an, sie werde Fischer bei der Frankfurter Staatsanwaltschaft wegen versuchten Mordes anklagen. Laut Röhl war Joschka Fischer die Führungsfigur in der linken Gewaltgruppe. Prompt wurde Fischer unterstellt, er selbst habe die Brandsätze in den Polizeiwagen geworfen. Fischer hat eingeräumt, an der Demonstration teilgenommen zu haben, im Nachrichtenmagazin Der Spiegel beteuerte der Außenminister jedoch, Molotow-Cocktails hätten nicht seiner 'Haltung und Überzeugung' entsprochen - 'und in der Tat, ich bin es nicht gewesen', erklärte er. Zuletzt stand Bundesaußenminister Fischer auch im Prozess gegen seinen früheren Mitkämpfer Hans-Joachim Klein als Zeuge vor Gericht. Klein soll 1975 am Überfall auf die Konferenz der Erdöl-exportierenden Staaten (OPEC) in Wien beteiligt gewesen sein, bei dem drei Menschen getötet wurden. Er bestreitet, dabei geschossen zu haben. Der heute 52-jährige Klein hatte sich später vom Terrorismus losgesagt und mehr als 20 Jahre in Frankreich versteckt gelebt. 1998 nahmen ihn deutsche Fahnder fest. Klein hat Fischer als 'Freund' bezeichnet, der Außenminister beschrieb das Verhältnis dagegen als wenig eng. Wie zu Beginn von Fischers Karriere als etablierter Politiker zu erwarten war, wird der Grünen-Politiker heute detailliert mit seiner militanten Vergangenheit konfrontiert. Noch muss Fischer sich jedoch keine Sorgen um seine politische Machtposition machen, denn 71 Prozent der Deutschen haben sich gegen einen Rücktritt der Bundesaußenminister ausgesprochen.der Funkstreifenwagen: met mobilofoon uitgeruste surveillancewagen.