Es hat sich nicht viel geändert. Auch gegen Ende dieses Jahrhunderts werden sich in Europa noch die Köpfe eingeschlagen - einziger Unterschied: der Europäer ist sozialversichert und reicher als vor hundert Jahren. Die rasende Entwicklung der Technik ist zur Normalität geworden. Mond und Mars wurden schon besucht und Otto-Normalverbraucher weiß nicht, ob er zum Pfingstwochenende auf Djerba oder doch lieber in der Dominikanischen Republik ausspannen soll. Die Dimension des Raums ist erkundet, da bleibt dem Menschen nur noch eines: Er versucht, seine Artge...

Es hat sich nicht viel geändert. Auch gegen Ende dieses Jahrhunderts werden sich in Europa noch die Köpfe eingeschlagen - einziger Unterschied: der Europäer ist sozialversichert und reicher als vor hundert Jahren. Die rasende Entwicklung der Technik ist zur Normalität geworden. Mond und Mars wurden schon besucht und Otto-Normalverbraucher weiß nicht, ob er zum Pfingstwochenende auf Djerba oder doch lieber in der Dominikanischen Republik ausspannen soll. Die Dimension des Raums ist erkundet, da bleibt dem Menschen nur noch eines: Er versucht, seine Artgenossen zu entschlüsseln. Das ist viel schwieriger, als einen Menschen auf den Mond zu schießen, denn jeder Erdenbewohner ist einzig. Trotzdem glaubt die Wissenschaft auch hier eine Antwort parat zu haben. Das neue Zauberwort heißt Gentechnik. Und wo gezaubert wird, dort wird auch Geld verdient. Kapitalkräftige Multis wie Nestlé nehmen die Genforscher gerne unter ihre Fittiche und vermarkten ihre Arbeit. Wenn zum Beispiel genmanipuliertes Getreide aus sich selbst heraus insektenabwehrende Stoffe entwickelt, dann können gewaltige Ausgaben für Insektenvernichtungsmittel eingespart und der Konzerngewinn gesteigert werden. So einfach ist das, obwohl niemand die Langzeitwirkung genmanipulierter Produkte kennt. Damit aber nicht alle von der Forschung profitieren, meldet man Patente an. Die legen fest, dass eine Erfindung nur vom Patentinhaber gewerblich genutzt werden darf. Wer also eine Erfindung oder Methode vor unliebsamer Konkurrenz in Europa schützen will, der wendet sich an das Europäische Patentamt (EPA) in München. Dort hat sich auch die australische Firma Amrad gemeldet und am 20. Januar 1999 ein Europäisches Patent (EP 380646) auf die Herstellung von Chimären aus Mensch und Tier erhalten. Die embryonalen Stammzellen von Menschen, Mäusen, Schafen, Schweinen usw. können zur Züchtung chimärer Tiere verwendet werden. Bei diesen Mischwesen könnten die unterschiedlichen Körperteile also vom Tier oder vom Menschen stammen. Nach der Aufdeckung dieses Patents gab es in Deutschland heftigen Protest gegen die 'Verschweinung des Menschen' durch Genforschung und gegen die 'Patentierung ohne Moral'. Zudem wurde heftige Kritik am EPA geübt. Das Amt und seine Mitarbeiter unterstehen nämlich weder der Europäischen Union, noch einer anderen übergeordneten Behörde. Es ist auch nicht an einen Kodex gebunden, der festlegt, wie die Patentprüfer mit der Biotechnologie umgehen müssen. Zu Beginn des neuen Jahrtausends ist die Patentierung, d.h. die Vermarktung von Leben - mit oder ohne ethische Standards - eines der wichtigsten Themen in unserer Gesellschaft.die Chimäre (hier): bastaardplant of -dier. die Erfindung : uitvinding. gewerblich: industrieel. jmd. unter die Fittiche nehmen: iemand onder zijn vleugels/hoede nemen. vermarkten: op de markt brengen.