Was in Indien die Heilige Kuh ist, ist in Deutschland das Automobil. Und das wird jeden Samstag gewaschen, poliert und gestreichelt. Kein Wunder, dass man die Blechbüchse hierzulande so liebevoll hegt und pflegt: das von Adolf Hitler versprochene Kraftfahrzeug erreichte das Volk in den Jahren des Wirtschaftswunders und wurde im Nachkriegsdeutschland zum Symbol für Freiheit und Mobilität. Kein Produkt vermochte den Deutschen den Kapitalismus besser zu vermitteln als das Automobil. Wer fleißig war, wurde b...

Was in Indien die Heilige Kuh ist, ist in Deutschland das Automobil. Und das wird jeden Samstag gewaschen, poliert und gestreichelt. Kein Wunder, dass man die Blechbüchse hierzulande so liebevoll hegt und pflegt: das von Adolf Hitler versprochene Kraftfahrzeug erreichte das Volk in den Jahren des Wirtschaftswunders und wurde im Nachkriegsdeutschland zum Symbol für Freiheit und Mobilität. Kein Produkt vermochte den Deutschen den Kapitalismus besser zu vermitteln als das Automobil. Wer fleißig war, wurde belohnt und konnte sich was leisten, und zwar einen Wagen. Der fahrbare Untersatz wurde schnell zum Statussymbol. Der 1932 in Leverkusen geborene und 1998 in Berlin gestorbene Installationskünstler und Maler Wolf Vostell hat das Auto die ôPlastik des 20. Jahrhunderts" genannt. Er zerlegte reihenweise chromblitzende Limousinen, zerschrammte, demontierte und verbrannte sie, oder goss sie in Beton. Derzeit ist in der Berliner Galerie seines Sohnes Rafael Vostell die Arbeit ôEntwurf einer neuen Fahne für die Bundesrepublik Deutschland" zu sehen. Die Collage zeigt Autoschlangen, über denen das Stück eines Tierschädels wie ein Damoklesschwert hängt, so als werde die abgasverseuchte Natur irgendwann zurückschlagen. Das hat sie ônatürlich" längst getan und lässt uns mit immer größer werdenden Ozonlöchern in den eigenen Abgasen braten. Statistisch gesehen, verbringt ein deutscher Autofahrer in einer 50-jährigen Karriere als Fahrzeugführer 200 Tage oder 4 800 Stunden seines Lebens im Stau. Hinzu kommt, wie Experten des Instituts für Verkehrswissenschaften in Köln errechnet haben, dass durch Standzeiten und Stop-and-go-Verkehr in Deutschland täglich etwa 30 Millionen Liter Benzin und Diesel verpulvert werden. Wer viel Auto fährt und oft im Stau steht, der kann sich sogar noch nützlich machen und beim ADAC Staumelder werden. Ist erst mal der ôStaumelderantrag" ausgefüllt, braucht man nur noch einen Stau und ein Mobiltelefon, ruft den ADAC an, der dann über Verkehrssender andere Autofahrer benachrichtigt. Wer will, kann kurze Meldungen über Verkehrsstörungen auch Live im Rundfunk durchgeben und sich für einen Moment lang als wahrer Held des Staus fühlen. das Abgas: uitlaatgas. der ADAC: Allgemeiner Deutscher Automobil-Club. benachrichtigen: op de hoogte brengen. die Blechbüchse: blikken bus. der Entwurf: ontwerp. errechnen: uitrekenen. die Fahne: vlag, vaandel. hegen und pflegen: liefdevol verzorgen. der Rundfunk: radio-omroep. der Stau: file. verpulvern: verkwisten. zerlegen (hier): demonteren en tegelijk vernielen.