Vor zehn Jahren spielte sich in Deutschland ein dramatisches Geiseldrama ab, bei dem drei Menschen getötet wurden. Die physische Präsenz der Medien auf der Täterseite wirft bis heute Fragen auf.
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Vor zehn Jahren spielte sich in Deutschland ein dramatisches Geiseldrama ab, bei dem drei Menschen getötet wurden. Die physische Präsenz der Medien auf der Täterseite wirft bis heute Fragen auf. Der bewaffnete 31jährige Hans-Jürgen Rösner und der 32jährige Dieter Degowski überfallen 1988 eine Bank in Gladbeck. Als die Polizei die Bank umstellt, schießen sie um sich, nehmen Geiseln und verlangen einen Fluchtwagen. Mit dem Wagen fliehen sie ins Ruhrgebiet, laden aber vorher noch Rösners Freundin auf. Nachts fordern sie einen schnelleren Fluchtwagen und fahren nach Bremen, wo sie mit ihren Geiseln in einen Linienbus steigen. Sie bedrohen die 30 Fahrgäste, geben vor laufenden Kameras Interviews und drohen mit der Erschießung einer Geisel. Als der gekaperte Bus an einer Raststätte anhält, überwältigen Polizisten Rösners Freundin. Die Verbrecher fordern deren Freilassung innerhalb von fünf Minuten. Sie wird von der Polizei jedoch nicht freigelassen, weil man die Schlüssel ihrer Handschellen nicht findet. Daraufhin wird im Bus die 15 Jahre junge Geisel Emanuele de Giorgio erschossen. Der Bus fährt weiter nach Holland, wo bei der Verfolgung ein Polizist stirbt. Bei einem weiteren Befreiungsversuch können abgesehen von zwei jungen Frauen alle anderen Geiseln fliehen. Die Verbrecher fahren nun mit ihren beiden Geiseln zurück nach Deutschland, wo sie auf der Autobahn von Polizisten überwältigt werden. Die 18jährige Geisel Silke Bischoff wird dabei erschossen. Während dem Geiseldrama haben die ständig präsenten Medien die Verbrecher in Szene gesetzt. Journalisten stiegen zu ihnen ins Fluchtauto, zeichneten hautnah die Todesangst der Geiseln auf und behinderten die Arbeit der Polizei, die sowieso schon im Kompetenzstreit der Länder erstarrte. Das ganze Drama war damals eine einzige Schamlosigkeit. Nach zehn Jahren verfilmt der Fernsehsender RTL das Verbrechen als sogenanntes Doku-Drama, das zwar hochauthentische Information, aber auch spannende Unterhaltung verspricht. Die Ausstrahlung der Sendung ist umstritten. Der private Fernsehsender bezahlte Täter und Opfer für die "Rechte an der eigenen Biographie", denn auch verurteilte Verbrecher genießen den Schutz Ihrer Persönlichkeit. RTL wirbt in Anzeigen mit den Worten "Es darf nie wieder passieren" für das "rtl doku-drama". Nach zehn Jahren sorgt der Sender allerdings selbst für die erneute mediale Verwertung von Schamlosigkeit.das Opfer (hier) : slachtoffer.