Die Bundesrepublik Deutschland (BRD) war noch grün hinter den Ohren und schon in einen Krieg, den Kalten Krieg verzettelt. Wie eine junge Pflanze brauchte auch die BRD Pflege und Schutz und so wollte man Ende der 50er Jahre für den Krisen- oder Verteidigungsfall eine Notunterkunft für die Regierung bauen. Auf gut Deutsch: Es sollte ein Bunker für die deutsche Crème de la crème her. Da Berlin in der sowjetisch besetzten Zone lag und sich Hitlers Führerbunker sowieso nicht als Schutz vor Atombomben geeignet hätte, schaute man sich in der Nähe des verschlafenen Städtchens Bonn, der neuen deutschen Hauptstadt, nach eine...

Die Bundesrepublik Deutschland (BRD) war noch grün hinter den Ohren und schon in einen Krieg, den Kalten Krieg verzettelt. Wie eine junge Pflanze brauchte auch die BRD Pflege und Schutz und so wollte man Ende der 50er Jahre für den Krisen- oder Verteidigungsfall eine Notunterkunft für die Regierung bauen. Auf gut Deutsch: Es sollte ein Bunker für die deutsche Crème de la crème her. Da Berlin in der sowjetisch besetzten Zone lag und sich Hitlers Führerbunker sowieso nicht als Schutz vor Atombomben geeignet hätte, schaute man sich in der Nähe des verschlafenen Städtchens Bonn, der neuen deutschen Hauptstadt, nach einem geeigneten Platz für den Regierungsbunker um. Im Bauen von Bunkern kannte man sich aus und so wurde ein bisher niemals genutzter Eisenbahntunnel nahe dem 25 km von Bonn entfernten Weinort Marienthal problemlos in Deutschlands größte unterirdische Festung umgewandelt. Dr. No wäre vor Neid erblasst, hätte er von dem 1972 in Betrieb genommenen labyrinthartigen Stollensystem gewusst, in dem dreitausend deutschen Persönlichkeiten aus Militär, Politik, Wirtschaft und Gesellschaft bei einem Atomkrieg Unterschlupf gewährt werden sollte. Von dort aus wollten die höchsten Vertreter der jungen Republik im Notfall die Geschicke des atomar verseuchten deutschen Volkes leiten. Das wäre ohne weiteres möglich gewesen, standen ihnen doch fünf Kommandozentralen, ein Plenarsaal, das Bundeskanzleramt, das Bundespräsidialamt mit Vorzimmern, Empfangs- und Konferenzräumen, 897 Büros, 936 Schlafzellen, fünf Großkantinen, eine Druckerei, fünf Krankenstationen, ein OP, Friseursalon und Kinosaal zur Verfügung. An eine Bibliothek wurde für die auserwählten Köpfe des Volkes der Dichter und Denker jedoch nicht gedacht. Die megalomane Bunkeranlage am Rotweinwanderweg im idyllischen Ahrtal, die Generationen deutscher Steuerzahler zwischen drei und fünfzig Milliarden Mark gekostet hat, war das bestgehütete politische und militärische Geheimnis der BRD. Wer im Bunker arbeitete, wurde beamtet und musste mit erhobener Hand Verschwiegenheit schwören. Erst vor knapp vier Jahren wurde das peinliche Mysterium um Deutschlands technisch längst überholtes VIP-Refugium gelüftet. Jetzt musste alles schnell gehen. Das funkelnagelneue unterirdische Bauwerk sollte eine privatwirtschaftliche Nutzung finden. Da es sich wegen mangelnder Brandschutzvorrichtungen jedoch nicht als Technodisco, Erlebnishotel und zur Züchtung von Pilzkulturen eignete, wird das deutsche Interieur für einen Kalten Krieg nun zurückgebaut und versiegelt. Vorher wird aber noch die Farbe von den Wänden abgekratzt, wegen möglicher Grundwassergefährdung. Die Idee, den Bunker als Architekturdenkmal aus Zeiten des Kalten Krieges unter Denkmalschutz setzen zu lassen, fand unter den jetzt in Berlin regierenden Politikern keine Unterstützung.beamtet: door de regering aangesteld. erblassen: bleek worden. funkelnagelneu: spiksplinternieuw. das Geschick: lot. der OP (Operationssaal): operatiekamer. der Steuerzahler: belastingbetaler. der Stollen: tunnel. überholt: achterhaald. verschlafen: slaperig, dromerig. verseuchen: besmetten. der Weinort: plaats waar wijn wordt verbouwd.