Er ist ein äußerst begehrter Gast in Quaselsendungen und sogenannten Talkshows. Mit ihm als Gesprächspartner schafft es selbst Alfred Biolek nicht, im Studio eine nette Wohnzimmeratmosphäre aufkommen zu lassen. Das ist auch kein Wunder, denn er thront, regiert und dekretiert. Indem er den Eindruck entstehen läßt, daß er der Maßstab aller Dinge ist, stiehlt er sämtlichen Gesprächspartnern die Show.
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Er ist ein äußerst begehrter Gast in Quaselsendungen und sogenannten Talkshows. Mit ihm als Gesprächspartner schafft es selbst Alfred Biolek nicht, im Studio eine nette Wohnzimmeratmosphäre aufkommen zu lassen. Das ist auch kein Wunder, denn er thront, regiert und dekretiert. Indem er den Eindruck entstehen läßt, daß er der Maßstab aller Dinge ist, stiehlt er sämtlichen Gesprächspartnern die Show. Wer andern gerne bedingungslos zuhört und voller Bewunderung zu ihnen aufschaut, der/die findet gefallen an ihm und ist gerne bereit, einen halben Monatslohn für einen Bikini aus seinem Laden zu zahlen. Die im Duden aufgenommenen Wörter 'sportlich-elegant' und 'salopp' wurden sicherlich nicht von ihm geprägt; damit hat er nichts am Hut. Er ist ein blendender Geschäftsmann und weiß sein Ego zu vermarkten. Er heißt Karl Lagerfeld, wuchs in Deutschland auf und machte in Frankreich als Modemann Karriere. Das Haus Chanel hat er kräftig entstaubt und mit einem Popkultur-Label versehen. Er gründete Chloë, seine eigene Marke und entwirft die Kollektion für Fendi. Er schreibt Bücher und macht Fotos, die er in seiner eigenen Fotogalerie ausstellt. In Paris bewegt der mit Zopf und dunkler Brille ausgestattete Eigenbrötler sich in einem 1 500 Quadratmeter großen Stadtpalais, das mit Möbeln und Kunsthandwerk aus dem 17. und 18. Jahrhundert vollgestopft ist. Soweit schien die Welt in Ordnung zu sein, doch dann geschah etwas völlig Unerwartetes: 'Kaiser Karl', wie ihn die Franzosen nennen, trennte sich von seinem Zopf und läßt das vorher streng nach hinten gezogene Haar jetzt weich ins Gesicht fallen. Aus dem Kreativen ist ein neuer, junger Mensch geworden. Kein Wunder also, dass er plötzlich nichts mehr von seinen alten Möbeln wissen und sich nur noch mit zeitgenössischen Schöpfungen umgeben will. Aber wie wird der wie umgewandelte Lagerfeld bloß so schnell 400 Möbelstücke, Tapisserien, Teppiche, Gemälde und Porzellan los? Ganz einfach: Er läßt seinen Besitz bei einem Auktionshaus in Monaco versteigern. Wer noch drei blaue Sèvres-Porzellan-Vasen mit Bronzefassung (rund 1,5 Millionen Mark) braucht, der hat die Möglichkeit, sie Ende April im Süden Frankreichs zu ersteigern. Aber Vorsicht, denn die Stücke aus dem Pariser Stadtpalais des Meisters sollen nicht immer allererster Qualität sein.der Eigenbrötler: excentriekeling. das Gemälde: schilderij. prägen (hier): voor het eerst gebruiken. quaseln: kletsen. saloppe Kleidung: vlotte kleding. versteigern: veilen. alte Zöpfe abschneiden: achterhaalde zaken afschaffen. der Zopf: staart.